borsilogoStriesens böse Buben und ihre Gegenspieler

Wohl schon seit Menschengedenken gibt es das ewige Räuber und Gendarmspiel - jene Mitbürger, welche es mit der Einhaltung der Gesetze nicht allzu genau nehmen und jene bestallten Männer, heute auch Frauen, welche mit Argusaugen auf die Einhaltung selbiger achten, den Übeltätern auf die Finger klopfen oder gar ganz aus den Verkehr ziehen. So hatte natürlich auch Striesen seinen Gemeindediener, Schutzmann, Gendarm, Ortspolizisten, Nachtwächter, Nachtpolizisten und was weiß ich wie der Ortssheriff einst immer wieder genannt wurde, bis mit der Eingemeindung des Vorortes zu Dresden die städtische Polizei die Aufsicht über Ordnung und Sicherheit übernahm. Zweckmäßigerweise richtete sich diese in den 30er Jahren gleich ein Revier an der Borsbergstraße ein, welches allerdings in der Bombennacht ausradiert wurde. Dann kam der ABV (Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei) und heute die Damen und Herren Landespolizisten sowie die Politessen. Bleiben wir aber im gemütliche alten Striesen und somit auch auf der Strasse J und hören uns an, was so die Herren Carl Herklotz, Carl Heinrich Sodan oder gar der Nachtpolizist Friedrich Adolf Riedel als Stellvertreter der Gilde der Striesener Ordnungshüter so alles erleben mussten, fein säuberlich protokollierten und somit der Nachwelt erhalten haben. Apropos Nachtpolizist. Riedels Vorgänger hatte gar immer wieder einen bestimmten Pfad in Richtung Blasewitz zu beschreiten und dieser Pfad wurde von den anderen braven Striesener Bürger gemieden - wer weiß warum. Aber genug der Vorrede, stürzen wir uns in die Meldungen über gar schreckliche Verbrechen.
Im Mai des Jahres 1884 rauschte folgende Meldung die Aufklärung von Missetaten auf Striesener Flur durch Dresdner Redaktionsstuben:

    "Den angestrengten Bemühungen der Polizeiorgane ist es endlich gelungen, den Urheber der in letzter Zeit hier und in der Umgebung ausgeführten Hundediebstähle in der Person eines erst vor kurzer Zeit von Löbtau nach hier verzogenen Handarbeiters H. zu ermitteln. Die Hunde, meist sehr wertvolle Exemplare, sind von ihm nicht geschlachtet, sondern stets für geringe Preise nach Auswärts gebracht wurden und dürften daher auch ohne erhebliche Geldopfer wiederzuerlangen sein."

Elbthalbote, 31.05.1884

Da hatte also dieser aus dem westlichen Dresdner Vorort stammende Haderlump einigen braven Striesener Bürgern ihren besten Freund geklaut aber zum Glück und Gott sei Dank, nicht zu Frikassee verarbeitet sondern nur weiterveräußert. Überhaupt schien sich zu dieser Zeit erhebliches Gesindel auf Striesener Straßen herumzutreiben, was des öfteren beklagt wurde. Aber bleiben wir bei Hundediebstählen. Über dreißig Jahre später verschwand wiederum ein Hund vom Spaziergang auf Striesener Straßen. Diesmal war es gar der Spitz des Pfarrers der Herz-Jesu-Kirche. Dieser Hund, ich meine den Spitz, wurde allerdings nie mehr aufgefunden - man ging da wohl recht der Annahme, dass er in den Hungerjahren des I. Weltkrieges wohl irgendeinen Speisezettel bereicherte. Doch bleiben wir bei der "guten alten Kaiserzeit". Im November des gleichen Jahres wurde folgendes unverschämte Verbrechen aufgeklärt:

    "Schon seit längerer Zeit war einem hiesigen Gewerbetreibenden sein Wein- und Spirituosenlager aufs Empfindlichste geplündert wurden, ohne das es, trotzdem die Diebereien nicht aufhörten, möglich gewesen wäre den oder die Langfinger zu eruieren. Eine Flasche eingesottene Heidelbeeren, die bei einem neuerdings stattgefundenen Besuch mit in die Hände geraten und später in deren Wohnung explodiert war, hat nun plötzlich die Entdeckung herbeigeführt. Die Burschen, im Alter von 16 bis 19 Jahren dürften, da es sich hier um schweren Diebstahl handelt, eine ganz empfindliche Strafe erwarten."

Elbthalbote, 20.11.1884

Jaja, so ist sie eben, die Jugend von heute. Auch nicht viel besser als die Jugend von gestern und vorgestern. Aber, bei aller Verwerflichkeit ihres räuberischen Tuns, wie kann ein Mensch nur so blöde sein eine mitgenommenen Heidelbeerpulle in der eigenen Wohnung explodieren und sich dabei auch noch erwischen zu lassen. Oder war es gar eine von den Polizeiorganen ins Nest gelegte Farbbombe? Auch täte es mich interessieren welche empfindliche Strafe diese jugendlichen Halunken über sich ergehen lassen mussten. Leider habe ich bisher nichts dazu gefunden. Vielleicht mussten sie das Gesöff vor versammelten Exekutionskommando aussaufen.
Was braucht man noch zu einem ordentlichen Umtrunk? Natürlich einen ordentlichen Braten. Allerdings keinen Hund und die Ganovenehre besagt das dieser Braten nie gekauft werden darf. Allerdings sollte man vor der beabsichtigten Beschaffung selbigen die Sache gründlich ausbaldowern, sonst ist man selbst der Gelackmeierte wie diese kriminellen Unglücksraben über die drei Wochen später folgendes berichtet wurde:

    "Höchstwahrscheinlich in der Erwartung Hühner resp. Federvieh oder Kaninchen zu finden, haben in der vergangenen Nacht Spitzbuben einem hiesigen Grundstück einen Besuch abgestattet. Obwohl dieselben sich in sämtliche Schuppen mit Gewalt Eingang verschafft, waren ihre Bemühungen dennoch ohne jedwelchen Erfolg und beutelos mussten die Herren Langfinger wieder abziehen."

Elbthalbote, 8.12.1884

Ätsch, Pech gehabt, dumm gelaufen. Mehr "Glück" hatte allerdings ein vierbeiniger Räuber, welcher ganz einfach seinem Jagdtrieb nachging. Am selben Tage vermerkte der Lokalredakteur des Elbthalboten:

    "Mehr Glück im Unglück hatte der Besitzer eines Jagdhundes, welcher Feldhühner mit Haushühner verwechselte und 13 Stück erlegte. Das kostete den Besitzer 10 Taler"

Begeben wir uns aber nun zur J-Strasse und somit zur heutigen Borsbergstraße. Die dort ansässigen Gärtnereien blieben auch vor Missetätern nicht verschont und so stahlen unbekannte Täter einem der Kunst- und Handelsgärtner im Frühjahr des Jahres 1884 Pflanzen im Werte von 100 Mark. das war damals viel, viel Geld. Nicht genug, Monate später brach wiederum lichtscheues Gesindel in Räume besagter Gärtnerei ein und ließen diesmal Handwerkzeug mitgehen. Na klar doch, ist verständlich. Irgendwie müssen die geklauten Pflanzen ja gepflegt werden. oder war es Auftragsdiebstahl neidiger Konkurrenten?

Aber auch die Hüter des Gesetzes waren ihrerseits nicht eben kleinlich bei der Verfolgung dieser und ähnlicher Schwerstverbrecher, da herrschte noch "Zucht und Ordnung", der furchteinflößende Schleppsäbel tat sein übriges. Und, in den Striesener Schänken erzählten sich die Herren Schutzmänner untereinander ihre Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung und blieben da, wie an Kneipentischen im allgemeinen üblich, nicht immer bei der Wahrheit. Mit Entsetzen mussten die braven Striesener Vorstadtbürger beim Rieplschen Biere diese Storys vernehmen und manch einer beschwerte sich gar darüber beim Gemeinderat. Dieser wiederum heftete diese und andere Beschwerden über die Ortspolizisten fein säuberlich in einen Ordner und selbigen kann man sich im Dresdner Stadtarchiv herausgeben lassen. Eine Kostprobe davon und der Interessantheit wegen in voller Länge und originaler Schreibweise:

    "An die königliche Amtshauptmannschaft zu Dresden

     Am 10. Dezember 1884 fuhr ich mit meinen Handwagen die Pillnitzerstraße entlang, ich fuhr links statt rechts und bedeutete mir der Gemeindediener Herr Sodan aus Striesen an rechts zu fahren ich frug noch mit den Worten kann man denn nicht den Schmutz ein wenig ausweichen, ich fuhr nun rechts, musste jedoch durch ausweichen eines größeren Geschirrs wieder links fahren. Herr Sodan kam nun wieder auf mich zu packte mich am Arm und kündigte mir die Arretur an, ich kam nun durch das Anfassen mit denselben ins Handgemenge, derselbe kniete auf mich wobei er mir zurief, lassen Sie mich los sonst steche ich sie nieder, was ich auch durch seine Armbewegung annehmen musste, ich rief dann zu lassen sie mich locker, sonst gebe ich Ihnen eins in die Fresse. In die Strafzelle zu gehen, habe ich mich nicht geweigert und nach einer viertel Stunde als Herr Sodan mir Wasser und Brod überbrachte, schlug er mich so ins Gesicht, dass ich auf die Seite taumelte und mir beide Ohren summten, dass ich nicht anders glaubte mein Gehör verloren zu haben, derselbe verließ dann meine Zelle mit den Worten, du Lump dir will ich es schon begreiflich machen.
Da ich nun mein Strafmaß wegen meiner Zuwiederhandlung theils auch zu meiner gezwungenen Vertheidigung, gegen die Misshandlung eines Beamten bekommen habe so ersuche ich hierdurch die Königliche Amtshauptmannschaft ganz ergebenst den betreffenden Beamten wegen Misshandlung eines Arrestanten und Ueberschreitung seiner Instruction nicht unbestraft zu lassen.
Herr Sodan kennt mich mehrere Jahre und habe ich mein Schild am Wagen, wodurch derselbe nicht nöthig hatte mich anzupacken, da ich doch stets zur Strafe gezogen werden konnte.
In Anbetracht vorverzeichneter Thatsachen wiederhole ich mein ergebenes Gesuch, Herrn Sodan ebenfalls bestraft zu wissen.

Hochachtungsvoll ergebenst

Friedrich Wilhelm Müller
Grünwarenhändler
Klein-Zschachwitz
Augustinstraße #3.

Dresden d. 11. Februar 1885

Puh, das ist ganz schön starker Tobak. Aber auch zu Verkehrsunfällen musste in dieser Zeit schon die Polizei gerufen werden. Und welche Straßenkreuzung ist da besonders Unfallträchtig? Klar doch. Die heutige Ecke Borsbergstraße/Tittmannstraße. Das war auch schon zu früheren Zeiten so. Eine Kostprobe gefälligst? Aber bitte schön.

    "Fahrcontravention

    p. Görke hat am 16. des Monats Mittags 1 Uhr durch einen mit Weizenstroh beladenen Erntewagen die Ecke der 4 und J Straße stehende Straßenlaterne beschädigt, hierdurch 3 Glasscheiben (worunter eine mit den Namen 4. Straße beschrieben) zerbrochen und einen Eisenstab an der Laterne weggerissen."

Stadtarchiv Dresden, 8.51 Nr. 439

So vermeldet der Schutzmann Adolf Riedel in einem schriftlichen Bericht den Vorfall, als der Kutscher am 16. Juni des Jahres 1891 bei wohl zu rasanter Fahrt die Kurve nicht gekriegt und dabei mit der Straßenlaterne kollidiert war. 5,55 Mark kostete die Wiederherstellung des Beleuchtungskörpers und brav zahlte der Unglücksrabe diesen Betrag aus eigener Tasche. Ob er wegen seiner Contravention, das ist im alten Amtsdeutsche eine geringfügige Straftat, noch anderweitig belangt wurde, darüber schweigt der Bericht. Punkte in Flensburg gab es zu dieser Zeit sowieso noch nicht. Wäre aber nötig gewesen, denn die Kutscher fuhren wie die Henker und ab und zu ging mal eine Laterne zu Bruch. Und gerade auf die Petroleumstraßenbeleuchtung, darauf waren ja Striesener Gemeindeväter besonders stolz. Einmal gar begang ein Kutscher, welcher in der Nacht eine Laterne komplett umgefahren hatte, Fahrerflucht. Er hatte allerdings nicht mit der weiblichen Neugier gerechnet. Die gute alte Hebamme Striesens beobachtete den Vorgang und meldeten den Vorgang. Die Spürnasen Striesens ermittelten den Übeltäter und der hatte nichts zu lachen. Er war sein Geschirr los und durfte von nun an seine Brötchen bei einem Unternehmen verdiente, was wohl gar zu gerne Kutscher aufnahm, welche die Spur nicht halten konnten. Er landete bei den zwangsgelenkten Kutschen der Dresdner Pferdebahn.
Aber auch Unfälle mit Personenschaden gab es. Als einem Kutscher die Pferde durchgegangen waren, wurde gar der Zaun der Schule beschädigt und ein Knabe verletzt (man beachte die Reihenfolge der Schadensauflistung). Nun reichte es. Es erging die einträgliche Aufforderung, zumindest vor der Schule, langsam zu fahren und ein saftige Geldstrafen von 10 Mark, das war fast ein halber Monatslohn, wurde bei Zuwiderhandlung angedroht. Ob aber Blitzer eingeführt wurden, das vermag ich nicht zu sagen.

Zu guter Letzt noch ein Fall für die Sitte.

Die um das Wohl ihrer heranwachsenden Schützlinge besorgten Eltern versteckten wohl sehr schnell die Zeitung vor denen, als sie folgendes vernehmen mussten:

    „Die erste Razzia, welche anlässlich der Dresdner „Tollen Woche“ am Montag bald nach dem ersten Hahneschrei von der Landgendarmerie und der Ortspolizei zu Striesen und Blasewitz vorzugsweise im Blasewitzer Waldpark und den angrenzenden Fluren und Gehöften unternommen wurde, ergab immerhin trotz der nassen Witterung, neun Pärchen, die in ihrem Morgentraume rücksichtslos gestört wurden. Die liederliche Gesellschaft wurde selbstredend von „Mutter Grün“ weg in trockenes und für sie nun wohltätiges Quartier geführt.“

Elbthalbote, 30.06.1885

Wem wundert es da, dass bei solcher Verwahrlosung der Sitten der Gemeinderat Striesen das Gesuch des Ortspolizisten Riedel ablehnen musste, ihn von seinen Nachtdiensten zu entbinden.

*   *
*