Der Straßenbahnhof Striesen

Die Pferdebahnlinie war kaum in Betrieb genommen, da richtete die Direktion des Unternehmens einen Antrag an den Gemeinderat, um einen Straßenbahnhof errichten zu dürfen. Kein geringerer als ein gewisser Herr Zeibig, ja genau jener der sich in den Gemeinderatssitzungen immer mit allen möglichen und unmöglichen Argumenten gegen die Pferdebahn aussprach, verkaufte seinen wohl brachliegenden Acker an die Gesellschaft und fuhr damit bestimmt nicht gerade schlecht, lastete doch auf selbigen eine gewaltige Hypothek. Jedoch war das strenge Striesener Bauregulativ auch noch zu umschiffen, welches die Lage von Wirtschafts- zu Wohngebäuden sowie die Stellung der Giebelseiten peinlichst genau vorschrieb und außerdem Fabriken und Unternehmen, welche Lärm und Rauch erzeugten, von vornherein von diesem Teil der Straße J verbannte. Also stellte die Gesellschaft einen Dispensationsantrag, so nannte man im damaligen Amtsdeutsch eine Ausnahmegenehmigung, und in der Gemeinderatssitzung vom 13. Januar 1885 wurde darüber recht lange debattiert. Schließlich genehmigte der Gemeinderat mit knapper Stimmenmehrheit den Bau des Straßenbahnhofes, jedoch unter einigen Bedingungen. Die Fassade der nun als Hauptgebäude fungierenden Wagenhalle solle ein gefälligeres Aussehen erhalten, das Wohngebäude eine Etage aufgesetzt bekommen und die Pferdeställe längs der Straße 5 (das ist die heutige Spenerstraße) gestellt werden.
Allerdings war es nun auch noch notwendig, einen alten Verbindungsweg zwischen der J - Straße und Altstriesen für den Bau des Bahnhofes einzuziehen, den so genannten 121er Weg, welcher sehr rege genutzt wurde, vor allem seit dem die Pferdebahn verkehrte. Das zog wiederum den Unmut der Altstriesener Bevölkerung nach sich. Also wieder Beschwerden beim Gemeinderat und eine Abstimmung, welche jedoch zu Gunsten des Baus ausging. Dem Wirt des Brauereischankes wird es gefreut haben, mussten ja nun die Leute an seinem Etablissement vorbei und schauten sicherlich auch mal auf ein Glas Bier herein.
Nun war der Weg zur Errichtung eines Pferdebahnhofes frei. Es entstanden zwei Hallen mit diversen Nebengebäuden wie Futterkammer und Heuboden für die Pferde und ein Verwaltungs- und Wohngebäude sowie eine kleine Hufschmiede. In jeder der beiden Hallen waren vier Abstellgleise eingelegt, ein weiteres Abstellgleis befand sich außerhalb der westlichen Halle. Da der Platz zwischen der Straße und den Halleneinfahrten für eine Gleisharfe nicht ausreichte, wurde die Einfahrt der östliche Halle mit einer Schiebebühne und die der westliche Halle mit einer Drehscheibe versehen, welche eine Breite bzw. einen Durchmesser von jeweils 3 Meter hatten, was für die Achsabstände der damaligen Pferdebahnwagen völlig ausreichte. Die Ausfahrt von der Drehscheibe mündete in einer aufwändigen Gleisverschlingung unmittelbar vor der Ausfahrweiche der Endpunktumfahrung, während die Ausfahrt von Schiebebühne mit einer einfachen Weiche auf das 30 Meter lange Stumpfgleis der Endstelle bewerkstelligt wurde. Nach dem Bau konnten Pferde, Wagen und Personal einziehen. Das geschah am 16. September 1885 und sicher mit großem Bimborium.
Insgesamt 100 Pferde und 50 Kutscher, nebst Wirtschaftsbeamten, wurden in diesen Betriebshof stationiert, wie viele Wagen im Striesener Pferdebahnhof beheimatet waren ist leider unbekannt. Auch das Wohngebäude wurde bezogen, vom Stallmeister Carl Thodor Gähler und vom Pferdebahnkutscher Carl Heinrich Seifert. Wohl zur Feier des Tages stellten sich die Bediensteten des Bahnhofes dem Fotografen zur Schau. Und was ist, damals wie heute, das allerwichtigste in einem Straßenbahnhof wie in wohl jeden Unternehmen? Jawohl, die Kaffeeklappe. Und so wurde am 26. Januar 1886 dem Pferdebahnkutscher Friedrich Wilhelm Anding die Konzession zur Betreibung derselben ausgestellt, inklusive, und das muss man sich auf der schnalzenden Zunge einmal zergehen lassen, eines Bier- und Branntweinschankes welche ausdrücklich nur in den Morgenstunden bis vormittags 10 Uhr und Nachmittags von 16 bis 22:30 Uhr und nur für die Bediensteten der Dresdner Pferdebahn genehmigt wurde. Dafür musste er aber auch jährlich 6 Mark Gewerbesteuern löhnen. Der Gemeinderat Striesen genehmigte ihn aber die Zahlung der Steuer in zwei Halbjahresraten. Im November 1890 verließ Anding den Betriebshof, die Konzession erlosch, aber das Ende der Pferdebahnzeit in diesem Gebäude hatte sich sowieso schon angedeutet.
Mit der geplanten Aufnahme eines elektrischen Betriebes reichte die Dresdner Straßenbahn einen Bauantrag zum Umbau des Bahnhofes ein. Der diesem Antrage beigefügte Gleisplan zeigt eine beträchtliche Erweiterung. So sollte zur Geisingstraße zu eine weitere Halle mit ebenfalls vier Abstellgleisen und neben dem schon bestehenden Außengleis zwei weitere errichtet werden, angefahren sollten diese mit der verlängerten Schiebebühne und von einer stumpfen Weiche direkt vom landwärtigen Gleis her. Allerdings war eines der äußeren Gleise nur unter Vorbehalt gedacht, also hatte man sich beim Bau des Betriebshofes Gorbitz runde 100 Jahre später in dieser Hinsicht auch nicht gerade etwas neues einfallen lassen. Da ja nun die Porsbergstraße, wie der Straßentrakt nunmehr hieß, zweigleisig ausgebaut werden sollte, musste die Ausfahrt von der Drehscheibe, die gleichzeitig vergrößert werden sollte, in Richtung Fürstenplatz auf das stadtwärtige Gleis gelegt werden. Gleich dahinter sollte sich ein Gleiswechsel auf das landwärtige Gleis befinden. Ein weiterer Gleiswechsel war, als in der Regelrichtung stumpf zu befahren, in der Mitte der ganzen Gleisanlage vorgesehen, während die Ausfahrt aus der Schiebebühne nun auf das landwärtige Gleis gelegt werden sollte. Das verlängerte und nun völlig geradlinig geplante Abstellgleis hatte an sich keine Verbindung mehr zum Bahnhofsgelände und war gerade einmal 60 cm von der Bordsteinkante vorgesehen. Das Projekt wurde zunächst genehmigt, dann aber doch nicht ausgeführt, weil bekanntlich auf Neugrunaer Flur der wesentlich größere Betriebshof Tolkewitz an der Wehlener Straße errichtet wurde. Nach der Stilllegung des Pferdebahnhofes Striesen wurde Drehscheibe, Bühne und die Gleise in den Hallen abgebaut, die Umfahrung blieb zunächst und ein weiterer Gleiswechsel entstand in Höhe der heutigen Rosenapotheke, dieser jedoch wohl eher nur um bei der nun fälligen Verbreiterung und Pflasterung der Porsbergstraße einen eingleisigen Betrieb zu ermöglichen. Mit dem Abschluss der Pflasterung der Porsbergstraße im Jahre 1904 verschwanden auch, neben eben diesen Gleiswechsel, die Umfahrung und das Stumpfgleis vor dem ehemaligen Straßenbahnhof.
Die Gebäude selber wurden verpachtet, nicht jedoch das Wohnhaus. Hier wohnten auch weiterhin Straßenbahnbedienstete. Ist ja wohl klar. Dem Kutscher dem die Nachbarschaft einer Kneipe missfällt, der muss ja wohl erst noch geboren werden.
Ab dem Jahre 1901 vermietete die Dresdner Straßenbahngesellschaft den leer stehenden Pferdebahnhof an die Baufirma Riedig, welche einen Lagerplatz einrichtete und an die Firma Schorler, einem Fuhrunternehmen. Letzteres existierte jedoch nicht lange. Im Jahre 1904, die Straße erhielt in diesem Jahre den heute gültigen Straßennamen Borsbergstraße, erschien statt derer die Zuckerwarenfabrik Clemens Naumann auf der Bildfläche. Ebenfalls in diesem Jahre begann der schwunghafte Handel mit Automobilen. Woldemar von Satine, der im unweiten Hinterhaus der Borsbergstraße 33 einen kleinen Handeln der motorisierten Vehikel Marke Mars betrieb, zog in eine der leer stehenden Hallen und vereinigte sich mit seinem Kompagnon Rittershaus. Das Autogeschäft nahm seinen Lauf. Ebenfalls betrieb auf dem Grundstück eine Frau Melanie Berlich den Handel mit Brennholz und Kohlen.
Zwei Jahre später verschwand die Holzhändlerin mit ihrem Hausbrandgeschäft und ein Ingenieur namens Otto Rehe eröffnete eine Chauffeurschule, heute Fahrschule genannt. Als die Firma von Satine & Rittershaus sich aus dem Automobilgeschäft zurückzog, sich dem Rohrleitungs- und Heizungsbau widmete, übernahm Rehe auch deren Handel mit Automobilen. Von Satine und Rittershaus nutzte einen Teil der Hallen nur noch als Lagerplatz und begab sich nach dem I. Weltkrieg wieder ganz an ihren angestammten Firmensitz in der Borsbergstraße 33, später 31b.
Otto Rehe warb, wie diese Aufnahme zeigt, mit einem quer über die Giebelfenster angebrachten riesigen Schild mit dem "Ein- und Verkauf neuer und gebrauchter Automobile in jeder Preislage sowie Verkauf von Benzin, Oel, Carbid etc." und weiter heißt es: "Reparaturen an allen Systemen werden schnell und sachgemäß zu den billigsten Preisen ausgeführt". Und, sind sie nicht gar wunderschön anzusehen, die stolzen Herren Chauffeurlehrer nebst ihren Kursanten auf den eleganten Kisten? Im Jahre 1913 teilte sich die Firma in das "Kraftfahrzeughaus Otto Rehe" und die Dresdner Chauffeurschule GmbH.". Gleichzeitig mieteten sich im Gelände drei weitere Firmen ein. Eine Transportfirma,, ein Brunnenbauer und Rohrleger sowie ein Altstoffhändler, hochtrabend Rohproduktehändler, im Volksmund schnöde Lumpensammler genannt. Auch zog der letzte Straßenbahner aus dem Wohnhause und die Naumannsche Zuckerwarenfabrik richtete sich im gesamten ehemaligen Wohngebäude ein. Der I. Weltkrieg zog zunächst einen Schlussstrich im Autohandel. Während des Krieges wurde der Hof als Wäschetrockenplatz genutzt, am Ende des Weltbrandes konnte sicherlich nur noch der Altwarenhändler etwas verdienen, eine Fahrschule wollte und konnte wohl keiner besuchen und ob der Knappheit mit Rohstoffen wird auch sicher Clemens Naumann Schwierigkeiten mit der Produktion gehabt haben. Allerdings existierte seine Firma noch weiterhin, während alle anderen Firmen sich verabschiedeten. Im Jahre 1926 standen die Hallen leer, nur doch die Wäsche auf dem Trockenplatz wehte im Winde.
"Ein bisschen Blech, ein bisschen Lack und fertig ist der Hanomag", meinte die vox populi spöttisch zu den Vehikeln, welche in Hannover zusammengebaut wurde. Nichts desto trotz wurden die Fahrzeuge gekauft und demzufolge auch Reparaturbetrieb nötig. Ein Herr Leonhard Kreß mietete die leer stehenden Hallen Ende der 20er und baute sie zu einer damals wohl modernen Auto- und Motorradwerkstatt um und begann im Jahre 1932 mit dem Verkauf und dem Werkstattbetrieb dieser Automarke. Später, als der in Wolfsburg aus dem Boden gestampfte Autoriese seinen Fahrzeugen demagogisch den Namen Volkswagen gab, kam noch die Vertretung für diese Automarke hinzu. Das Ladengeschäft befand sich jedoch in der Dresdner Innenstadt, auf der Grunaer Straße. Im Jahre 1935 verabschiedete sich dann auch noch die Firma Naumann und Leonhard Kreß war alleiniger Gewerbemieter des Grundstückes Borsbergstraße 39, welches aber immer noch der Dresdner Straßenbahn gehörte.
Das Wohngebäude und die östliche Halle wurden im Februar 1945 ein Opfer des Luftangriffes, aber die nur beschädigte westliche Halle wurde wieder aufgebaut und Leonhard Kreß betrieb zunächst weiterhin seine Hanomag Spezialwerkstatt, hatte jedoch Konkurrenz auf der Borsbergstraße bekommen, wenn auch nicht so richtig, wenn man sich die Verhältnisse im Osten des Nachkriegsdeutschlands vor Augen nimmt. Das gegenüberliegende ausgebrannte Grundstück, das Kleber´sche Anwesen, wurde notdürftig wieder aufgebaut. Jedoch zog nun darin nicht wieder die Praxis eines Kinderfürsorgearztes, sondern ebenfalls eine Autoreparaturwerkstat ein. K. Köhler betrieb diese. An einen Fahrzeugverkauf in beiden der gegenüberliegenden Autowerkstätten war begreiflicherweise nicht zu denken und auch die Reparaturen waren sicher wohl anfangs nicht mehr als Flickschusterei.
Später dann wurde der Kreß´sche  Kraftwagenreparaturbetrieb des Volkes eigen und dem VEB Kraftwagenreparaturwerk angegliedert. Insbesondere wurden in der Halle des ehemaligen Pferdebahnhofes Karosseriereparaturen an Lastkraftwagen durchgeführt.
In den 1990er Jahren wurde, nachdem sich der VEB Kraftfahrzeugreparaturwerk verabschiedet hatte, das Gebäude aufwändig zu einem Verkaufshaus mit Reparaturwerkstatt für PKW umgebaut. Es wurden aber nun nicht mehr mit lackierten Blechen oder Volkswagen gehandelt, sondern der Franzose hielt Einzug. Nein, kein Bürger aus diesem Lande wurde Besitzer, sondern das nun neu gegründete Autohaus Start vertrieb, neben einer weiteren Niederlassung in Nickern, nun auch auf der Borsbergstraße Kraftfahrzeuge der Marken Renault. Die Firma ging jedoch nach der Jahrtausendwende in die Knie und die Fahrzeuge wurden erst einmal wider abgeholt. Allerdings stand dann das Gebäude nie wirklich leer.
Aus dem Ruin dieser Firma stieg wie Phönix aus der Asche das jetzige "Autohaus Borsbergstraße GmbH auf, welches wiederum den Vertrieb und die Reparatur der Marken Renault übernommen hat, während der auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindliche Reparaturbetrieb, welcher unter dem Namen Hoffmann und Köhler firmiert, eine so genannte freie Werkstatt ist. In das Hauptgebäude des Kleber´schen Grundstückes befindet sich Kochs Reifenwerkstatt. Nur die Tankstelle hat, obwohl in ihrer Form noch vorhanden, längst ihren Betrieb eingestellt. Betrachtet man heute das noch stehende Gebäude des ehemaligen Striesener Pferdebahnhofes, so kann man allerdings nur noch an der Hallenform selbigen erahnen. Zu wenig haben Umbauten und vor allem der II. Weltkrieg von selbigen übrig gelassen und dort wo sich einst die Nebengebäude und das Wohnhaus befand, ist das Gelände mit Betonplatten belegt auf welchen, wie zu Zeiten von Otto Rehe, "gebrauchte Automobile in jeder Preislage" zum Verkauf ausgestellt sind. Übrigens, einen Wäschetrockenplatz würde man auf dem Gelände bestimmt auch nicht mehr anlegen wollen.

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