Der jüdische Arzt Dr. Willy Katz

Der wohl bekannteste Mann der einst an der Borsbergstraße lebte war zweifelsohne der im Jahre 1878 geborene Mediziner Dr. Willy Katz. Nach seiner Zeit als Offizier im ersten Weltkriege bezog der Arzt die erste Etage des Hauses Borsbergstraße 3. Später richtete er seine Praxis in der ersten Etage des Hauses Borsbergstraße 14 ein und galt als fähiger Mediziner, zu dem die Menschen und auch die Kinder Vertrauen hatten. Bei Kindern ist das nicht gerade üblich, denn ob der Spritzen und anderer medizinischer Marderinstrumente sieht ja der liebe Nachwuchs die Herren Weißkittel lieber von hinten. Aber vielleicht war an deren Sympathie für den Onkel Doktor das riesige Bonbonglas schuld, welches in seiner Praxis stand, wohl im Zimmer mit dem Bilde an der Wand, dass ihn als Offizier zu Pferde zeigte.
Der gute Mann hatte nur einen Makel, welcher besonders in der Nacht des Faschismus und insbesondere nach 1938 nahezu einem Todesurteil gleich kam - er war Jude.

Aber Dr. Willy Katz hatte Glück im Unglück, wenn man das einmal so sagen darf, er durfte seine Praxis, nun im Erdgeschoss des noch heute stehenden Eckhauses an der Krenkelstraße behalten und war der einstige Arzt in Dresden zugelassen, welcher Juden behandeln durfte.

Allerdings stand er ob seiner Tätigkeit zwischen den Fronten und hatte unter den noch in Dresden verbliebenen Juden nicht gerade den besten Leumund, ja, wurde von einigen von ihnen als "Schisser" verschrien. Sehr selten schrieb er, sicher auch um seinen Patienten vor dem Abtransport und den damit verbundenen sicheren Tod zu bewahren, arbeitsunfähig

Victor Klemperer, der bekannte Romanistikprofessor in der Technischen Hochschule und nach anfänglichen Zögern mit Dr. Katz sehr eng befreundet, bemerkte in seinen Tagebüchern:

    "Dr. Katz, manchmal "Herr Doktor", manchmal "Katz" angeredet, gestern das erste mal geduzt, darf nur dann einen Krankenbesuch machen, wenn Lebensgefahr vorliegt. - Katz hat offenbar eine sehr schwere Stellung zwischen überwachender Gestapo und Judenschaft. "Die Leute sehen in mir in erster Linie den Juden, dann erst, ganz zuletzt, den Arzt." Er hat eine sehr schlechte Presse bei den Angewiesenen. ...."

Dr. Katz musste auch die Transporte nach Theresienstadt begleiten und später dann die medizinischen Untersuchungen im so genannten Judenlager auf den Hellerbergen durchführen. Seine Erlebnisse, die ganze unmenschliche Behandlung die er dort erleben musste erzählte er seinen Patienten und gab ihnen manchen Tipp um das Dahinvegetieren in dieser Hölle auf Erden zumindest etwas zu erleichtern. Dr. Katz überlebte den Holocaust und auch seine Praxis überstand, wenn auch etwas beschädigt, das Bombeninferno des 13. Februar 1945. Nach der Niederschlagung des Faschismus wurde das Gebäude Borsbergstraße 14 wohl zur ersten, damals noch nicht so genannten Poliklinik und er leitender Arzt dieser Einrichtung. Er selbst bezog eine Wohnung mit seiner als Modistin arbeitenden Ehefrau, welche Klemperer als etwas schrullig bezeichnete, in der einstigen noch intakten Villa der südlichen Krenkelstraße. Im Jahre 1947 verstarb der Mediziner, welcher vermutlich auch als Gesundheitsminister Sachsens vorgesehen war, und wurde unter großer Anteilnahme zur letzten Ruhe gebettet. Victor Klemperer hielt an seinem Grabe die Abschiedsrede.

In den Räumen seiner Praxis, deren Einrichtung sich im Washingtoner Holocaustmuseum befinden soll, behandelten von nun an andere Ärzte ihre Patienten. Glücklicherweise ist es seit 1945 überhaupt nicht mehr von Belang, welchen Glauben Patient oder Mediziner ist und es soll und muss die Lehre aus der Geschichte sein, dass dieses ein für allemal im Leben der Menschheit so bleibt. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts befand sich eine Weile ein Musterungsstützpunkt der damaligen Nationalen Volksarmee in diesem Hause, wo auch ich Befragungen und Untersuchungen über mich ergehen lassen musste. Heute ist das gesamte Gebäude restauriert und wenn die Räume nicht gerade wieder einmal leer stehen, betreiben Rechtsanwälte und auch Ärzte darin ihre Praxen und die wohl wenigsten wissen, in welchen geschichtsträchtigen Räumen sie ihren Beruf ausüben.
Vielleicht findet sich irgendwann einmal ein Verein, auch die Stadt Dresden und vor allem die jüdische Gemeinde wäre da angesprochen, welche mittels einer kleinen Gedenktafel an diesem Hause gegenüber der Herz Jesu Kirche auf das Wirken des jüdischen Arztes Dr. Willy Katz hinweist und somit einen weiteren Teil der wichtigen Dresdner Vergangenheitsbewältigung beiträgt.
Dr. Willy Katz hätte dies verdient.

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