borsilogoDer mühselige Neuanfang

Nach den 12 finstersten Jahren in der deutschen Geschichte war die Borsbergstraße eine Trümmerwüste. Was Generationen erbauten, versank innerhalb einer Nacht in Schutt und Asche. Was ist aus den Bewohnern geworden? konnten sie sich aus dem Feuersturm retten? Leider konnte ich bisher, trotz umfangreicher Suche, noch keinen Augenzeugen jener Schreckensnacht befragen. Eine ganze Anzahl Menschen hielten sich nachweislich in der Herz Jesu Kirche aus, die wie durch ein Wunder stehen blieb, der Luftschutzkeller in dem erst einige Jahre zuvor fertig gestellten Sparkassengebäude war wohl auch kaum beschädigt, ein Schadensbericht der Stadtsparkasse nennt die Kellerräume mit den Tresoren dieser Filiale als intakt geblieben, aber die einzelnen eingerichtete Luftschutzkeller in den Häusern aus der Jahrhundertwende? Erschreckend der einzige Hinweis den ich bisher dazu finden konnte, die Kartei der Antragsteller für den Schadensausgleich für Bombengeschädigte im Stadtarchiv. Während von einzelnen Häusern sehr viele der Bewohner einen Antrag stellten, war von anderen zerstörten Hausgrundstücken kein einziger Hinweis darin zu sehen. Freilich, diese Kartei ist sicher unvollständig und nur ein vager Hinweis, bei anderen Recherchen tauchen dann Gott sei Dank wieder Namen von tot geglaubten auf, aber sie ist ein Bild von der Zerstörung dieses Straßenzuges, wobei wir uns immer vor Augen halten sollten, dass diese Zerstörung - obwohl ich nach wie vor und felsenfest der Ansicht bin, dass sich die Zerstörung Dresdens ein von englischer und amerikanischer Seite begangenes Kriegsverbrechen ist - das Resultat des deutschen Militarismus und des von Deutschland hervorgerufenen Weltbrandes war.
Um noch einmal zu dieser Schadenskartei zu kommen. Interessant ist, dass sich als einer der ersten Antragsteller ein gewisser Herr Reppe findet. Dieser war derzeit Besitzer der Rosenapotheke - welche intakt geblieben war.
In den ersten Nachkriegsjahren prägten die Trümmermassen das Bild, lediglich die Gangbahn wurde, wenn auch nur teilweise, beräumt und einsturzgefährdete Ruinenteile abgetragen. Aber, es gab auch schon wieder eine kleine Handelstätigkeit. In den stehen gebliebenen Häusern verkauften die alten Ladenbesitzer ihre Restbestände oder zugeteilte Mangelware, wie die Rosenapotheke, das Schreibwarengeschäft von Frau Ahnert, Lebensmittel Meier sowie Grabes Schuhhaus und natürlich auch Robert Baumgärtel, welcher sein zerstörtes Geschäft in ein leer stehendes noch existierendes verlegte. In den Stadtvillen am Anfang der Straße wurde auch Handel betrieben, so verkaufte ein Händler in der Borsbergstraße 1 Grünwaren und in der Borsbergstraße 12 befand sich eine Drogerie. Aber auch in den Ruinen regte sich Leben. Zwei Fleischer eröffneten ihre Geschäfte, darunter der Fleischer Rasch, welcher im noch intakten Nebengebäude der einstigen Fleischerei Heinze seine Wurst auf Marken unter dem Namen Fleischerei Heinze - Rasch, verkaufte. Ein Glas- und Porzellangeschäft veräußerte seine Dinge in der Ruine an der Mosenstraße, ehemals Möbelhaus Schencke und im noch halbwegs intakten Erdgeschoß des Dittrich´schen Hauses handelte der Elekromeister Braune. Andere überlebende Ladenbesitzer verlegten ihre Geschäfte. Molkerei Schmidtchen in die Krenkelstraße, die Borsbergdrogerie in die Anton Graff Straße, Bäcker Kranke betrieb seine Bäckerei in einer Ruine in der Schandauer Straße und manche zog es noch weiter, wie Optiker Glaser, welcher es bis auf den Weißen Hirsch schaffte - wo die Nachkommen noch heute das Geschäft führen. Allerdings hatte der "Hirsch" in den Kriegszeiten von seiner Exklusivität eingebüßt. Auch in den Wohnetagen der noch sehenden Häuser gab es Gewerbe, auch wieder eine Schneiderein, welche jedoch in ihrem kleinen Werbeinserat die Möglichkeit der Neuanfertigung von Garderobe von der Lieferung des Materials durch die entsprechenden Kunden zur Bedingung machte. Und doch mussten die Trümmer irgendwie einmal verschwinden um Platz für einen Neuaufbau zu schaffen. Arbeitskräfte waren rar und so boten sich die freiwilligen Aufbauleistungen an.
Im Oktober des Jahres 1949, die DDR war gerade geboren, erschien in der Sächsischen Zeitung eine Mitteilung unter der Überschrift "Wir schaffen aus Trümmern Neubauerhöfe", welche das Herz des Aufbauhelfers höher schlagen ließ und den Missmutigen ins grummeln brachte. Weiter heißt es in dieser Mitteilung:

    "Zur 5. Volksauktion für Neubauerhöfe - Ziegelbergung - am Sonnabend, den 15. Oktober, veröffentlichen wir heute die Stellplätze der Stadtbezirke auf dnen sich alle Teilnehmer an der großen Solidaritätsaktion am kommenden Sonnabend von 13 - 13.30 Uhr treffen."

Es folgen sechs Bergungsstellen, hauptsächlich im Bereich Borsbergstraße und Schandauer Straße, zu denen aus dem Gesamten Stadtgebiet die Aufbauhelfer mittels Sonderstraßenbahnen herangefahren wurden. Zwar nannte man das Ganze freiwillig und wohl auch die meisten der daran beteiligten Menschen schafften mit Elan und dem Willen der geschundenen Stadt wieder ein Gesicht zu geben - das Denkmal der Trümmerfrau ist in seiner Aussagekraft für mich das beste Denkmal was Dresden überhaupt zu bieten hat - und doch war wohl ein kleiner Zwang dahinter. Und wenn es der Zwang des Hungergefühles war, denn am Ende dieser Bergeaktion erhielt jeder Teilnehmer ein kostenloses Essen. Ausdrücklich wurde in dieser Mitteilung ermahnt, dass die Arbeitswilligen Essgeschirr und Löffel mitbringen sollten.
Und dieser Aufbau- eigentlich Enttrümmerungssonnabend war ein voller Erfolg, wenn man sich die Bilder betrachtet, welcher der bekannte Fotograf Höhne/Pohl von dem Ereignis fertigte und den Zeitungsbericht darüber liest, welcher am 17. Oktober 1949 in der Sächsischen Zeitung erschien. Allerdings hielt sich der Reporter mehr an der Schandauer Straße auf, aber lesen wir selbst.

    "350 000 Ziegel für unsere Neubauern

Nur zu, nur zu! "He, Gerda, schmeiß doch...". Ziegel fliegen durch die Ketten von Hand zu Hand, und Kette reiht sich an Kette. Männer mit blauen Jacken, Frauen mit weißen Kopftüchern, lachende Mädchen und Jungen - sechstausendsechshundert freiwillige Helfer gehen den Trümmern zu Leibe. Längs der Ruinenöde der Schandauer Straße wachsen bald die roten Stapel: Ziegel für unsere Neubauern.
Ein strahlend blauer Himmel an diesem Oktobertag, fast wie im Sommer. Schwarzrotgoldenen Fahnen wehen, Musik tönt aus hohen Lautsprechern. Kreisvolksausschuß, Stadtbezirksleiter, Parteien und Massenorganisationen haben die V. Volksaktion für Neubauernhilfe tadellos vorbereitet. Nun geht´s noch mal so gut. Alte Leutchen helfen mit und Junge Pioniere. Menschen aller Berufe. Doch alle eint der Wille: Fort mit den Trümmern und was neues hingebaut! Und sie lassen diesen Willen Taten werden: 350000 Ziegel bargen sie aus der Trümmerwüste.
In der sechsten Stunde beginnt es zu dunkeln. Feierabend. Menschen klettern von den Trümmerbergen herunter, müde, aber glücklich. Für den friedlichen Aufbau geschafft zu haben - das stimmt froh. Sie schlagen sich den Staub von den Rücken und holen ihr Essgeschirr heraus. Es dauert etwas lange mit der Essenausgabe. Ein Wagen hat Achsbruch, heißt es. Sechstausendsechshundert hungrige Mäuler zu stopfen ist kein Pappenstiel, selbst für die Frauen der Schulspeisung nicht. ..."

350 000 Ziegel für die Neubauernhöfe. Übrigens, am nächsten Tage wurden die Ziegel verladen und abtransportiert, wieder in einen freiwilligen Arbeitseinsatz. Ein Teil dieser Ziegel ging in das Dorf Borsberg, welches beim Luftangriff auf Pirna in Mitleidenschaft gezogen worden war. Diese Steine dienten der Reparatur und den Wiederaufbau der Höfe. So hat nicht nur die Borsbergstraße von diesem Berge seinen Namen, sondern auch die Häuser dieses Dorfes tragen die Steine der alten Borsbergstraße. Wer weiß das schon noch.

Allerdings konnte man den immensen Trümmerbergen nicht nur mittels Arbeitseinsätze zu Leibe rücken. Professionelle Baubetrieb mussten her. Im Jahre 1951 schaffte an der Borsbergstraße die Bauunion Dresden, Betriebsteil Cossebaude. Interessant sind einmal die Kosten, welcher dieser Betrieb aufschlüsselte und der Stadt in Rechnung stellte. So kostete das Bergen von 1000 Ziegeln 65,70 Mark und selbst das Bergen von Buntmetall und das Sichern selbigen vor vor Langfingern musste die Stadt mit 61 Pfennigen pro Kilogramm löhnen. Ein detaillierter Bericht über die Enttrümmerung des Karrees wo sich jetzt das Studentenwohnheim befindet, gibt im Stadtarchiv über die Mühen dieser Tage Auskunft. Aus diesem Bericht ist auch das Foto entnommen, welches die Ecke Borsbergstraße/Müller Berset Straße zeigt, dort wo sich einst das Striesener Gesellschaftshaus befand. Insgesamt 830 cbm. Trümmer wurden allein aus diesem Areal geborgen und Zoff, den gab es natürlich auch schon wieder, ist ja nichts neues auf der Borsbergstraße. Am Eckgrundstück der Laubestraße zur Carlowitzstraße war Schluss, die Abbruchgenehmigung für dieses Gebäude wurde zurückgezogen, worüber sich die Direktion der Bauunion beim Rat der Stadt Dresden aufs heftigste beschwerte.
Bleiben wir aber noch kurz bei der Ecke Borsbergstraße/Müller Berset Straße. Am 5. September 1984 wurde in diesem Bereich bei Baggerarbeiten ein scharfer Blindgänger gefunden, zwei Tage später stand darüber in der Sächsischen Zeitung:

Nachdem im Jahre 1953 die Trümmerbahn in das Gebiet gelegt war, wurden auch die restlichen Trümmerberge abgetragen und eine mit Unkraut bewachsene Einöde lag da, wo sich sich einst die stolzen Gärtnereien befanden und später Häuser vielen Striesener Bürgern ein Zuhause boten.

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