Die Pillnitzer Chaussee

Von der Residenzstadt Dresden führt seit alters her ein Fahrweg nach Pillnitz. Begeben wir uns einmal in die Zeit, als der königliche Hof sein neu erbautes Lustschloss in Pillnitz aufsuchte. Die herrschaftlichen Kutschen verlassen am Ziegeltor die Befestigung der Stadt und rollen, vorbei an den Ziegeleien und Lagerstellen für das zum immer prunkvolleren Aufbau Dresdens benötigte Baumaterial, zum Ziele der Ausfahrt. Noch heute gibt es an diesen Stellen die Ziegel- und die Steinstraße. Das Akzisehaus am so genannten Pirnaischen Schlage ist am Schulgut bald erreicht, natürlich können die königlichen Kutschen unbehelligt passieren, und Dresden liegt hinter uns. Eine lange und wohl staubige Chaussee führt in östliche Richtung, ein Zeitzeuge wünschte sich gar auf seinem Wege Schatten spendende Bäume. Das Auge nimmt Wiesen und wogende Ähren auf den Fluren war, links im Hintergrund schieben sich die Höhen jenseits des Elbestromes ins Bild, bald tauchen auf einer vorgelagerten kleinen Anhöhe vier Windmühlen auf, dahinter ein Birkenwäldchen. Rechts sieht man die Bäume eines größeren Parkes und ein Palais lugt dazwischen hervor, der Große Garten. Die Straße macht einen kleinen Knick nach links und führt direkt auf ein Dörfchen zu, ohne es jedoch zu erreichen, weil sie kurz vorher wieder nach rechts einschwenkt und südlich am Dorf vorbei zieht. Dann eine Wegekreuzung, von rechts kommt der Fahrweg vom Dörfchen Gruna her, geradeaus führt die Chaussee in Richtung Pillnitz über Tolkewitz und das kleine Fischerdörfchen Laubegast weiter, nach links jedoch führt ein Weg gerade in den Mittelpunkt des Ortes, welcher da Striesen heißt. Vor dem Jahre 1768 führte dieser schmale Weg durch Striesen hindurch in Richtung Pillnitz. Als jedoch im Jahre 1765 Pillnitz zur Sommerresidenz des sächsischen Hofes auserwählt wurde, da war wohl dieser Weg für die hochherrschaftlichen Kutschen zu schmal und als Protokollstrecke ungeeignet, oder die feinen Nasen der Lakaien mochten die würzige Landluft nicht oder es regte sich gar eine Bürgerinitiative, welche den zunehmenden Transitverkehr aus ihrer Ortschaft heraus haben wollte, oder, oder, oder... jedenfalls seit eben dem Jahre führt die "fiskalische Dresden - Laubegast - Pillnitzer Chaussee", wie dieser Fahrweg amtlich genannt wurde und von dem später einmal ein Teilstück die heutige Borsbergstraße bilden sollte, am Orte Striesen vorbei. Bleiben wir jedoch einmal kurz in Striesen, genauer gesagt in Altstriesen.

Striesen ein Dörfchen welches zu dieser Zeit ein kleine "Kuhbläke" sorbischen Ursprunges war, erstmalig im Jahre 1358 erwähnt (In einigen Publikationen wird die Jahreszahl 1350 genannt), ein Rundlingdorf in einem alten Elbarm, ein kleiner Wasserführender Graben, wohl um 1300 angelegt, zieht sich von Gruna her kommend vorbei der Elbe zu und speiste die Teiche, welche sich in und um dem Dorf befanden. Allerdings brachte der alte Elbarm immer wieder Überschwemmungen und rief sich auch im August des Jahres 2002 in schmerzhafte Erinnerung, als das Grundwasser die Merseburger Straße überflutete. Zu einem der noch am Ende des 19. Jahrhunderts vorhandenen Teich konnte der wissbegierige Leser in einer Zeitung am 28. Dezember 1883 folgende, heute amüsant klingende, aber damals wohl schockierende Geschichte lesen:

    "Am heiligen Abend hatte ein angeheiterter, auf der 13. Straße wohnender Arbeiter das Unglück; um 9 Uhr von seinem Heimwege vom Dresdner Weihnachtsmarkt, wo er diverse Einkäufe für seine Familie gemacht hatte, abgekommen und ist in an der G Straße vor Altstriesen befindlichen ziemlich tiefen Teich gerathen und wäre vielleicht ertrunken, wenn nicht der Striesner Einwohner J. dazu gekommen wäre und ihn herausgezogen hätte. Es wäre wohl erwünscht, hier Schutzvorrichtungen zu ergreifen".

Schutzvorrichtungen für sternhagelvolle Weihnachtsmarktbesucher, nun wenn es helfen soll. Aber bleiben wir noch bei der früheren Geschichte Striesens und leider wird sie immer wieder von Kriegszeiten geschrieben. Nachdem Striesen im Dreißigjährigen Krieg relativ glimpflich davon gekommen ist (von Einquartierungen und Zahlungen abgesehen), war, brachte das Jahr 1813 Leid und fast vollständige Zerstörung. Die Russen besetzten am 25. August das Dorf, welches von den Franzosen daraufhin in Brand geschossen wurde, auch die vier Windmühlen wurden ein Raub des Napoleonischen Krieges und eine erbitterte Schlacht auf den Fluren tobte, die in Dresden den Beinamen Schlacht auf dem Pirnaischen Schlag erhielt. Die Pillnitzer Chaussee fand ebenfalls  Einzug in die Kriegstagebücher, eine Nacht lang war sie in ihrer Länge von etwa des alten, heute nicht mehr vorhandenen Abzugsgraben des Großen Garten, etwas östlich der Fetscherstraße, bis in etwa der heutigen Bergmannstraße Frontlinie zwischen den Franzosen und den Russen. Tage später sammelte man hunderte Tote ein. 142 Jahre später waren es jedoch noch mehr, die nach einem Weltbrande in Striesen ihr Leben ließen und Altstriesen und viele Bauten entlang der Borsbergstraße wurden wieder einmal ein Raub der Kriegsfurie.

Nach dem Kriege der Aufschwung, die Pillnitzer Chausse blieb aber nahezu ohne Bebauung, das Leben spielte sich schon damals in der "City" ab. Jedoch siedelten sich, vor allem südlich der Chaussee, viele Gärtnereien und auch zwei Ziegeleien an, der fruchtbare Boden lud dafür nahezu ein. Eine besondere Seite wird sich dem Gartenbau an diesem Straßentrakte widmen. Aber auch Striesen blieb vom Bevölkerungswachstum nicht verschont. Zum einen war es in der nahen Residenzstadt gang und gebe mißliebige Personen auszuweisen. Da bot sich das nahe gelegene Dorf nahezu an und im Wortspiel erklang häufig: Striesen = Ausgewiesen. Und noch in den späten 1880er Jahren rügte der Gemeinderat diesen Umstand, da "vor allem in der beginnenden Winterzeit nun die ausgewiesenen Bettler in unseren Striesen  von Hof zu Hof ziehen". Jedoch auch die freundlichere Seite des Ortes wurde erkannt, die liebliche Lage, die Nähe zum gehobenen Blasewitz und Strehlen machte den Ort bei etwas besser betuchten Leuten interessant. Wohnungen mussten her und das Land wurde neu vermessen und eine Art Bebauungsplan angefertigt, jedoch wurde zunächst in Richtung Blasewitz bebaut, diese Straßenzüge bekamen den Namen "Neustriesen". Ein weiterer denkwürdiges Jahr ist das Jahr 1873. Nachdem schon im Jahr zuvor der nächtliche ägyptische Finsternis der Straßen mittels öffentlicher Straßenbeleuchtung begegnet wurde, auch entlang der Pillnitzer Straße funzelten schon einige dieser Laternen, aufgestellt auf der Dammkrone und mit allerfeinsten Petroleum betrieben, monierten wohl vor allem die Briefträger die Häuser trotzdem nicht so schnell finden zu können. Auch immer mehr Straßen entstanden vor allem in Neustriesen. Klar doch, Straßennamen mussten her. Und so gab es auch sie in Striesen, die allerorten anzutreffende Schulstraße, Albertstraße, Gartenstraße, den Friedhofsweg etc. Für die Benennung der Straßen waren die Grundstückbesitzer an diesen zuständig. Diese sollten sich über die Benennung einigen und den Vorschlag dem Gemeinderat vorlegen, welcher diesen abnickte und die jeweiligen Straßenschilder bestellte. Aber wie das wohl überall in der Welt ist, eine Einigung kam häufig nicht zustande und mehr als einmal musste der Rat schlichtend eingreifen. Als in der Gemeinderatssitzung vom 5. Juli 1873 wieder einmal über die Uneinigkeit der Grundstückbesitzer einer neu angelegten Straße verhandelt wurde, da knallte man deren Gesuche ihnen kurzerhand um die Ohren und beauftragte sie, sich bis zur nächsten Sitzung gefällig selber zu einigen, man hat ja schließlich auch noch anderes zu tun. Diese nächste Sitzung war die 255. und sie fand am 16 Juli 1873 statt, das für den Chronisten, welcher gerne mit Jahreszahlen jongliert. Als letzter Tagesordnungspunkt kam wiederum die Straßenbenennungsangelegenheit zur Sprache. Einigung war Null und es entsprang wiederum eine heftige Debatte. Mittlerweile war die Zeit vorangeschritten, die Lust langwierige Aussprachen zu führen erlahmte. Auch tat das wohl in den zu dieser Zeit noch völlig geheimen Sitzungen sicher ausgeschenkte Bier, die Sitzungen wurden ja mitunter in der Küche eines Restaurants abgehalten, sein übriges. Das Sitzungsprotokoll verrät uns von einem "aufkommenden practischen Gedanken...die Längsstraßen mit Buchstaben, die Querstraßen mit Ziffern zu benennen" um damit allen weiteren Kalamitäten "...bezüglich der Straßennamen zu entgehen". Dieser Vorschlag wurde, es war schon Nachts um elfe, einstimmig angenommen. Mit dieser glorreichen Idee wurde aus der Pillnitzer Chaussee die J - Straße und gar weltstädtisch kam es nun gar zur "5the Avenue" und das aus einer Bierlaune und eines müden Gemeinderates - so entstehen mitunter die für den Bürger wichtigsten Beschlüsse einer Gemeinde. Vielleicht sollte man auch heute noch kurz vor Mitternacht den Dresdner Stadtrat in irgend eine Kneipe scheuchen - natürlich auf dessen Kosten.

Kehren wir zurück zur Pillnitzer Chaussee, also nun J - Straße genannt. Um 1860 herum siedelten sich an dieser die ersten Anlieger an, zumeist so genannte Kunst- und Handelsgärtner, allen voran die wohl bekannteste in Dresden, die des Herrn Seidel. Eine Seite wird über die Gärtnereien zu berichten wissen. Aber auch für die durstigen Kehlen wurde gesorgt, direkt neben dem Straßenbahnhof, man brauchte nur die "5the Avenue" zu queren, entstand eine neue Dampf-Bierbrauerei. Die Ziegelei von Friedrichs empfahl seinem geehrten Publikum zu billigsten Preisen Mauer-, Essen-, Dach-, Kanal-, Firsten-, Walm- und Luftziegel. Im Seitengebäude der J Strasse 21, was in etwa der heutigen Borsbergstraße 29 entspricht, hatte der Chemiker Mehnert, zusammen mit seinen Kompagnon Große, seine chemische Fabrik. Und etwas ganz neuartiges gab es. In der J Strasse Nummer 11 handelte ein gewisser Gustav Schering mit photographischen Lichtdruckbildern. Und immer wieder Gärtnereien, auch an den eingezeichneten Gewächshäusern auf den obigen Plan zu erkennen.
Ansonsten war keine Handelstätigkeit auf der Straße J vorhanden, die Geschäfte, "Waarenhäuser" und Handwerksbetriebe befanden sich allesamt in der Umgebung von Altstriesen, in der Umgebung des Windmühlenberges oder in Richtung Blasewitz. Doch halt.

Eine, ich betone besonders ausdrücklich, eine Kneipe gab es schon damals auf der Straße J. Ein Herr Schladitz besaß den Brauereiausschank der schon genannten Riepl´schen Bierbrauerei mit Erlebnisgastronomie wie Kegelbahn, Kinderspielplatz und Billard. In den damalige Publikationen warb er auch für sein wöchentliches Schlachtfest. Auch ist es bekannt, dass sich insbesondere beim Biere, heute wohl Arbeitsessen genannt, die besten Geschäfte machen. So warb zum Beispiel die in Niederpoyritz ansässige Firma Ryssel, dass Bestellungen für ihre prompte und billige Ausführung von Brunnenbauten, Anlegung von Wasserleitungen und Senkgruben auch im nämlichen Brauereirestaurant entgegen genommen werden.

Aber auch schon reine Wohnbebauung entstand an der J Straße. So erbauten sich die Gemeinderatsmitglieder Zeibig und Kleber ihre stolzen Anwesen an dieser Straße. Von allen Gebäuden dieser Zeit hat das Kleber´sche Haus, obwohl seiner ersten Etage und des Daches beraubt, Abrisskolonne und Kriege überdauert, heute befindet sich in der ausgebauten Ruine die Reifenwerkstatt von Koch, und Ordnungsgemäß an der zur Straße zugewandten Seite ist noch heute das Brandkatasterschildchen des Vorortes Striesen befestigt.
Apropos Brandkatasterschildchen. Es gleicht einer Bürokratenposse, welcher Verwaltungsaufwand für die Herstellung und zum Befestigung dieser kleinen Gussschildchen einst betrieben wurde. Es gab Ausschreibungen und Einholungen von Referenzen und Offerten bis hin ins ferne Nürnberg. Man sah die Möglichkeit vor die Katasternummern von einen ortsansässigen Malermeister einfach anpinseln zu lassen, was aber dem Gemeinderath oder den Grundstückbesitzern wohl nicht fein genug war. Letztlich bekam eine in Dresden - Löbtau ansässige Firma den Auftrag diese Schildchen und auch gleich noch die Hausnummerschilder herzustellen.
Aber nicht genug, nur der ortsansässige Glasermeister Freygang durfte dann die Schildchen an den vorgeschriebenen Stellen der jeweiligen Grundstücke anbringen, und zwar im Gipsbett mit jeweils 6 cm langen Schrauben. Na klar mussten dann dafür die Grundstückbesitzer ordentlich löhnen. Man sieht, unsere Urgroßväter hatten die gleichen Probleme mit der Obrigkeit einer Gemeinde wie wir.

 

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