Die Striesener Brauerei

Wohl kaum noch bekannt ist es, dass Striesen einst sein eigenes Bier braute. Schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es, ähnlich wie in Gruna die "Grüne Wiese" eine kleine Brauerei, die Brauerei Kaiser und vermutlich auch mit Ausschank, wohl aus der ehemaligen Erlaubnis des Reiheschank hervorgegangen. Dieser befand sich an der Pillnitzer Chaussee, unweit des Weges, welcher einmal die Tittmannstraße werden sollte. Um 1870 erwarb der aus Obertzhofen in Bayern stammende Braumeister Sebastian Riepl, wohl ein Bruder des Johann Baptist Riepl, dieses Anwesen um darin Bier nach bayrischer Art zu brauen. Eine Art bayrische Entwicklungshilfe für Sachsen im Bezug der Bierbraukunst oder doch wohl nur um neue Kundschaft zu gewinnen?
So recht lief das Geschäft wohl nicht denn auch der Antrag Sebastian Riepls einen Brauereischank einzurichten und persönlich betreiben zu wollen, begründete er unversteckt mit der Hoffnung Absatz für sein selbst gebrautes Bier zu erzielen, bemerkte jedoch auch, dass sich sein Etablissement besonders dazu eignen würde und bürgte für eine solide Restauration. Übrigens unterzeichnete er das im nebenstehenden Bild gezeigte Schreiben an den Gemeinderat mit der Ortsangabe Altstriesen, hielt er sich wohl als etwas besseres als die Neustriesener. Aber die persönlichen Abgrenzungen dieser beiden Bürgergruppen sind ja hinreichend bekannt. Diese Restauration wurde sicher auch eingerichtet, denn Sebastian Riepl wurde vom Königlichen Gerichtsamte am 4. April des Jahres 1870 die "Conzession zum Ausschank von selbstgebrautem Biere für seine Person und Besitzzeit ertheilt", aber von ihm selbst wohl nicht mehr oder nur kurz betrieben, entweder er verstarb, oder er veräußerte Brauerei nebst Ausschank spätestens Anfang des Jahres 1872, an den Braumeister Paul Siegfried Nitzschke. Vielleicht aber auch dieses, so er sie verkaufte, in einer gewissen Weitsicht, wie die folgenden Jahre zeigen werden. Denn auch Nitschke hatte mit der Bierbraukunst nicht so das richtige Händchen, vielleicht waren Gebäude und Anlagen auch schon zu verschlissen. Jedenfalls machte dieser schlechtweg Pleite und das Grundstück kam zur Zwangsversteigerung. Der Taxwert des aus fünf Flurstücken bestehenden Geländes lag bei 70.529 Mark. Der Termin der öffentlichen Subhastation, wie eine Zwangsversteigerung damals genannt wurde, war auf den 30. Januar 1877 festgesetzt und nun darf man raten wer den Zuschlag erhielt. Für 72.000 Mark erwarb die stillgelegte Brauerei eine verwitwete Frau R. Riepl und trat sie per Vollmacht vom 27. Januar 1877 an einen gewissen Emil Johann Leonhardt Riepl ab. Die Brauerei ging wieder in den Familienbesitz Riepls über, welche auch noch die Gambrinus Brauerei in Dresden betrieben. Nun wurden allerdings Nägel mit Köpfen gemacht. in kurzer Zeit, jedoch nach und nach, wurden teilweise die alten Gebäude abgerissen und neue errichtet. Es entstanden neue Brauereigebäude, eine Darre, Eis- und Lagerkeller, Schuppen für Fässer und auch ein Pferdestall mit angeschlossenen Brauerstuben und einer Kutscherwohnung.
Auch die moderne Technik hielt Einzug, eine Dampfkesselanlage nebst des dazugehörigen Schornsteines erstand in den Jahren 1878/79. Zwar gab es schon eine kleinere Dampfkesselanlage, aber diese war wohl abgearbeitet, genügte nicht mehr den Anforderungen und sollte nur noch als Reserve dienen. Natürlich kam auch der Brauereischank nicht zu kurz, die Seite über die Kneipen auf der Borsbergstraße wird sich ausführlicher mit diesem Etablissement befassen. Als Emil Riepl im Jahre November 1880 noch vier östlich seiner Brauerei gelegene Nachbargrundstücke erwarb, ließ er gar ein Gewächshaus erbauen, wollte wohl den Gärtnereien ein wenig Konkurrenz machen. Allerdings trat er diese später wieder zum Zwecke des Straßenbaus (heutige Spenerstraße nördlich der Borsbergstraße) und zum Bau des Striesener Straßenbahnhofes wieder ab. Der nebenstehende Plan, nach Emil Ueberall, zeigt die einzelnen Gebäude der Brauerei, welche im Hofe voll unterkellert war: 1 - Wohnhaus; 2 - Nebengebäude des Wohnhauses; 3 - Eis- und Lagerkeller; 4 - Kegelbahn der Brauereiwirtschaft; 5 - Schuppen; 6 - Sudhaus und Darre, im vorderen Teil der Brauereischank; 7 - Pferdestall mit Kutscherwohnung; 8 - Nebengebäude als Lagerraum genutzt, 9 - Gewächshaus. Diesmal schienen die Geschäfte recht gut zu laufen, denn Emil Riepl konnte an die Errichtung eines größeren und gut gestalteten Wohnhauses gehen. Im Jahre 1878 erwarb er das betreffende Grundstück, direkt an der Ecke Straße - J, 4. Straße gelegen für etwas über 5000 Mark von Gottlieb Theodor Hermann Zeibig und der Baumeister Richard Eckardt erbaute eine zweigeschossige, man kann schon sagen Villa, mit Mansardendach. Erst der zweite Entwurf genügte den Wünschen und dieses Eckgebäude mit seinem runden Erker, hinter dem sich jeweils ein geräumiger Salon verbarg, prägte lange Zeit das Gesicht dieser Straßenecke. Interessant waren die damals bestimmt nicht üblichen Wannenbäder auf jeder Etage und zwei, wenn auch so genannte Plumpsklos, Toiletten auf selbiger, die eine abgeschlossene Wohneinheit bildeten. Emil Riepl bewohnte selbst das Erdgeschoss und vermietete die erste Etage an den Maschinisten seiner Brauerei.
Bis in den ersten Weltkrieg hinein produzierte der Braumeister Riepl, auf dem Bild mit seiner Ehefrau und Papagei zu sehen, sein nach eigenen Angaben vortreffliches, aus besten Malz gebrauten "Bairisch-, Lager-, Eis- und Einfachem Bier". der Krieg jedoch ließ die allerbesten Zutaten versiegen und brachte der Brauerei den Niedergang. Über die Beendigung des Brauereibetriebes herrscht, wie über den Beginn des Bierbrauens an der jetzigen Borsbergstraße, Unklarheit. Als Betriebseinstellung wird oft das Jahr 1915 genannt. In diesem Jahr zog eine obskure Nährmittelfirma Namens Natura in eines der Gebäude, welche sicher etwas zusammenbraute was nur zu diesen Kohlrübenzeiten und nur unter der Marke Igitt zu verkaufen war, denn lange hielt sich diese nicht. Laut Adressbücher existierte die Brauerei Striesen Emil Riepl & Söhne jedoch bis 1919. Erst das Adressbuch von 1920 nennt als neuen Eigentümer die Dresdner Methancentrale und die Fabrikation ätherischer Öle Franz Löbel. Im Jahre 1945 versanken die Gebäude der Brauerei in Schutt und Asche. Das Gelände lag lange brach, nur ein Trafohäuschen und eine Wartehalle stand auf diesem. Erst nach 1990 wurde das Areal wieder bebaut, heute befindet sich dort das "Kaufland". Die letzte Ruhestätte der Familie Riepl befindet sich noch heute auf dem Striesener Friedhof an der Gottleubaer Straße, ein großes Familiengrab, welches allerdings ein wenig mehr Beachtung und auch mehr Pflege erfahren sollte. In Striesen selbst wurde nach dieser Zeit nie wieder eigenes Bier gebraut. Das übernahmen nun die großen Brauereien Dresdens, die Felsenkellerbrauerei, die Waldschlösschenbrauerei und später dann die Brauerei Coschütz. Jedoch kann man eben im Kaufland alle mögliche Biersorten erwerben und so gibt auf dem alten Brauereigelände eben doch noch Bier zu erwerben, aber leider keines aus Striesen.

Einen kleinen Nachtrag. Die Nachfahren der Familie Riepl sind auch heute noch im Biergeschäft tätig. Wenn auch nicht mehr als Brauereibesitzer, so doch als Betreiber eines Gasthofes in ihrer alten Heimat im bayrischen Obertzhofen.

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