Der erste Ausbau der J - Straße

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts siedelten sich die ersten Anwohner an den Teil der Straße J an, welcher später einmal die Borsbergstraße sein sollte. Vornehmlich Gärtnereien und so kam schon recht bald der Gedanke auf, spätestens mit der Erstellung des Striesener Bebauungsplan durch Lehmann, diese Straße zu verbreitern und vor allem erst einmal ordentlich herzurichten. Laut vagen schriftlichen Berichten von Zeitzeugen war die Chaussee an ihrer breitesten Stelle gerade einmal 12 Meter breit, nicht chaussiert und der Sand-, wohl eher Dreckbelag in einem jämmerlichen Zustand. Ein Fußweg war totale Fehlanzeige. Links und rechts befanden sich kleine Dämme und dahinter die Abzugsgräben der Regenwasser, welche allerdings ihren Zweck auch nur schlecht und recht erfüllten und oft über riesige Pfützen und Schlamm auf der Straße geklagt wurde. Kurz, die Straße war eine einstige Katastrophe, wie übrigens alle Straßen in Striesen. Im April des Jahres 1871 beschäftige sich der Gemeinderat wieder einmal mit der gesamten Striesener Straßenmisere und auch zur Pillnitzer Chaussee wird in dieser Gemeinderatssitzung bemerkt:

    "Den ersten Beratungsgegenstand bildete die Erweiterung des Bauplans. Besonders nothwendig macht sich dieselbe an der Pillnitzer Straße, sowie an den angrenzenden Blasewitzer Flurtheil. Man einigte sich dahin, daß die Pillnitzer Straße späterhin in derselben Breite fortgeführt werde, wie dieselbe jetzt auf städtischen Gebiet angefangen ist, ferner, daß der Bauplan nach Osten zu ungefähr bis an den Fußweg, welcher von Gruna auf Blasewitz führt, ausgedehnt werden soll, mit den hierdurch bezüglichen Arbeiten soll Herr Rathsgeometer Lehmann in Dresden beauftragt werden."

Allerdings sollte das "späterhin" noch eine geraume Zeit dauern, denn erst zehn Jahre später wird in einer Gemeideratssitzung beantragt die Straße zwischen der Flurgrenze zu Dresden und der 4. Straße in einer Breite von 30 Ellen auszubauen. Gegen eine Stimme wurde dieser Antrag zum Beschluß erhoben und der Beginn der Vorarbeiten zur Verbreiterung dieser Straße in Angriff genommen. Gleichzeitig sollte eine Regulierung stattfinden, denn die Chaussee schlug, in etwa der heutigen Mosenstraße, einen kleinen Bogen. Da sich Striesen auch einen Anschluß an das sich ausweitende Netz der Pferdebahn wünschte, wurden mit der Pferdebahngesellschaft Gespräche zur Verlängerung der im Entstehen befindlichen Linie Kreuzstraße - Fürstenplatz bis nach Striesen durch die J Straße hindurch aufgenommen. Um nun den Bau recht bald durchführen zu können und um wohl auch die speziellen Wünsche der Pferdebahngesellschaft befriedigen zu können, überlegte der Gemeinderat den bis dahin in Obhut des Staates liegenden betreffenden Teil der Straße in eigene Unterhaltung zu nehmen. Man stellte ein entsprechendes Gesuch an die Oberbehörde, der Königlichen Amtshauptmannschaft. Natürlich befragte man vorher die Amtsbrüder in Strehlen, Plauen und Löbtau zu erzählen, was denn so für finanzielle Mittel der Staat Sachsen für die Übernahme locker machte. Letztlich trafen fast alle Antworten gleichzeitig ein und die Ablösesumme sollte 20.000 Mark betragen. War zwar auf die Länge der Straße bezogen etwas weniger als bei den anderen Gemeinden, aber besser als nichts und eine neue Straße sollte her. So unterzeichnete im November 1882 der Gemeinderat Striesen den Vertrag und ab 1. Dezember 1882 hatte man den 635 Meter langen Teil der Straße J von der Flurgrenze bis zum Grunaer Communicationsweg auf dem Halse.

Zwar bekam man nun auch sehr schnell sie 20.000 Mark ins Gemeindesäckel überwiesen, aber auch die Pflichten zum Unterhalt der Straße oblagen nun der Gemeinde. Es ist übrigens ganz interessant zu erfahren, was mit dem erhaltenen Geld geschah, die Druckversion wird auch über diese Frage Auskunft geben. Eins sei verraten, zum Straßenbau wurde es nicht verwendet. Aber bleiben wir zunächst bei der Euphorie des geplanten Straßenumbaus.
Zugleich wurde ein Kostenanschlag in Auftrag gegeben und der Straßenbahndirektion freudig die Übernahme der Straße angezeigt. Es tat sich allerdings - nichts. Zumindest hat es den Anschein und immer wieder stellten die Gemeideratsmitglieder bohrende Fragen, wohl von den Striesener Bürgern angestachelt. Es hagelte Eingaben, Petitionen und letztlich eine geharnischte Beschwerde an die Königliche Amtshauptmannschaft. Nun wurde es den Amtshauptmann von Metzsch zu bunt. Er beorderte den Gemeinderat zu einer Sitzung nur alleine zu diesem Thema mit all den Streithähnen und beeilte sich zu erklären, dass diese in einem ordentlichen Versammlungslokale und unter Beschlussfähigkeit durchzuführen ist. Das war wohl ein recht deutlicher Wink mit dem Zaunpfahle, denn die Lahmarschigkeit und das daraus resultierende Ansehen des Striesener Gemeinderates war schon längst über die Flurgenzen Striesens gedrungen (bei Beschlussvorlagen über die eigenen Personen, namentlich des Gehaltes der bestallten Beamten war man eigenartigerweise immer vollzählig versammelt und sich auch einig). Ups, schon wieder ein Bezug zur heutigen Zeit?
Am 4. Dezember 1883 fand diese denkwürdige Sitzung im Gasthof zum sächsischen Prinzen unter Vorsitz des Gemeindevorstandes und der Mitwirkung des Herrn von Metzsch statt und ging als die Vermittlung der Straßenbahnangelegenheit durch die königliche Amtshauptmannschaft in die Geschichte Striesens ein. Langsam kam nun auch die Vorbereitung zu Ausbau wieder in Gang, wenn auch der Gemeindevorstand nach der Metzsch´schen Gardinenpredigt erst einmal in dieselbe Trotzhaltung fiel, die der sächsische König bei seiner Abdankung Dezennien später gehabt haben soll. Die Adjazenten, so nannte man die anliegenden Grundstücksbesitzer, sollten doch ihren "Dregg alleene" machen und den Ausbau der Straße gleich ganz finanzieren und auch unter ihrer Obhut vorantreiben. So ging es natürlich auch nicht, wenn von nun aber, wir würden heute sagen eine Bürgerkommission, die Sache tatsächlich in die Hand nahm. Aber nun bahnten sich tatsächlich die ersten Schritte des Ausbaues an. Plötzlich genehmigte der Gemeinderat einen Teil der Summe für den Ausbau, insgesamt 3.700 Mark aus dem Gemeidesäckel, der Straßenbaumeister Gensel, obwohl nicht gerade Busenfreund des Rates, bekam den Zuschlag und gar ein Teil der Finanzierung zur späteren Unterhaltung wurde beschlossen, hatte man nämlich den Vorschlag zum Beschluss erhoben:

    "...von den Sandgrubenbesitzern für Abnutzung der Straßen pro gewachsenen Cubikmeter Sand 3 Pfennige zu erheben, ingleichen die auswärtigen Ziegeleibesitzer zur Zahlung angemessener Beiträge heranzuziehen. ..."

Na toll, eine Art Maut, ein gewisser Herr Stolpe hat wohl diese Idee über einhundert Jahre später nochmals aufgegriffen. Ab dem 27. Januar des Jahres 1884 wurde dann angefangen. August Gensel schickte seine Mannen zur alten Chaussee, die Straße wurde gesperrt und aufgebrochen und mit dem Straßenbau, gemäß der Richtlinie begonnen. Das heißt: 30 Ellen Breit (über 17 Meter), mit Fußwegen, chaussiert mit Klarschlag und im Bereich der Gleise gar gepflastert. Die Abzugsgräben verschwanden, die Abwässer flossen in so genannte Senkgruben und wurden mittels eines Rohres in den Landgraben geleitet. Nachträglich wurde im Februar der Vertrag zum Ausbau der Straße unterzeichnet und auch die Einlegung des Straßenbahngleises wurde vorgenommen und der Elbthalbote meldete:

    "Am Montag ist nunmehr mit dem Bau des Theils der Straße J von der Stadtgrenze bis zum Grunaer Weg angefangen worden, welcher bisher durch die verschiedenen Ansichten der Parteien immer und immer wieder verschoben wurde. Die Straße, welche in einer Breite von 30 Ellen angelegt wird, dürfte nach ihrer Vollendung eine Zierde für den Ort werden. Die Ausdehnung der Pferdebahnlinie bis zum Grunaer Weg dürfte dann auch nicht lange auf sich warten lassen, umsoweniger, als mit dem Bau auch das Einlegen der Schienen gleichzeitig mit vorgenommen werden soll."

Man stelle sich das einmal heute vor, 12 Tage vom Beschluss bis zum Baubeginn und wenn man denkt nun wurde, wie so oft in der heutigen Zeit losgewerkelt, nein, es wurde geklotzt und am 31. Mai des Jahres war alles fertig, die Pferdebahn rollte durch die neue Straße. Wenn ich mir heute dagegen das Hickhack um die Leipziger Straße oder der Königsbrücker Straße vorstelle, von der Waldschlösschenbrücke ganz zu schweigen. Der untenstehende Ausschnitt aus dem Striesener Situationsplan zeigt den alten und den neuen Verlauf der J Straße.

Allerdings gab es während des beschleunigten Ausbaues auch einige Ecken und Kanten, aber da schauen wir mal darüber hinweg, ist ja so üblich. So gab es wiederum Streit über die Durchführung der Abflussrohre durch private Grundstücke zum Landgraben, das Niveau er Straße wurde zunächst auch nicht so recht beachtet und musste von Emil Ueberall neu vermessen werden und gar der Weichbildstein an der Flurgrenze, heute währe das eine Todsünde, verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Und die Qualität des Straßenbaues, der übrigens zwischen der 4. Straße und dem Grunaer Communicationsweg schon in 40 Ellen Breite ausgeführt wurde, nun es gab da wohl einige Schwierigkeiten. Das nebenstehende Bild zeigt ziemlich Furchen im chaussierten Teil des Traktes, einige Gemeinderatsmitglieder wollten nicht genehmigen die übliche Kaution zurückzuzahlen, um schon auflaufende Reparaturkosten begleichen zu können und einige Jahre später gar gab es eine massive Beschwerde von Einwohnern dieser Straße. Diese gipfelte sich in der Bemerkung, dass die Straße vor dem Umbau in wohl besseren Zustand war als nach diesem. Letztlich hatte nun aber Striesen eine Ausfallstraße, welche der damaligen Zeit zunächst genügte und auch schon mit Bäumen bepflanzt war. Auch einige neue Straßenlaternen wurden angeschafft und auf der J Straße aufgestellt.. Allerdings nicht allzu lange. Schon einige Jahre später machten sich Stimmen laut, welche insbesondere die mit der Verbreiterung des Teiles der Straße J welche die Schandauer Straße werden sollte, der Beschleusung und vor allem mit der geplanten Einlegung einer Gasleitung und der legendären Planung einer Gasanstalt, eine durchgängige Breite auf 40 Ellen und vor allem eine Bepflasterung der J Straße forderten. Darüber wird die nächste Seite berichten.

*   *
*